Jung bleiben ist kein Zufall
von Nicole-Angela Krywult
Vorwort
Meine Longevity-Reise begann zu einer Zeit, als der Begriff in meinem Wortschatz noch nicht existierte und in der öffentlichen Wahrnehmung kaum eine Rolle spielte. Sie begann unkonventionell und mit einer ordentlichen Portion Neugier.
Im April 2017 besuchte ich das Seminar „Epigenetik beim Hund“ von Dr. Udo Gansloßer. Ein Seminar, das mich fachlich und persönlich nachhaltig beeindruckte. Irgendwann im Verlauf des spannenden Seminars kam er kurz vom eigentlichen Thema ab und konnte sich einen Seitenhieb auf die Kosmetikbranche nicht verkneifen. Er sagte, die Wirkstoffe der Anti-Aging-Cremes seien molekular so groß, es sei unmöglich, durch die Haut zu wirken. Man müsste die Cremes essen, um die gewünschte Wirkung zu erzielen.
Ich war sofort hellhörig und fragte nach, ob es dann sinnvoll wäre, gleich Nahrungsergänzungsmittel zu nehmen. Er empfahl mir schließlich Vitamin E, Q10 und Omega-3. Seitdem gehören diese drei Stoffe zu meiner Routine. Natürlich wäre ich nicht ich, wenn ich sie einfach geschluckt hätte, ohne vorher alles genau zu hinterfragen.
Ich las Studien, recherchierte Wirkmechanismen, lernte, dass Vitamin E nicht gleich Vitamin E ist, und dass hochdosiertes α-Tocopherol allein mehr schaden als nutzen kann. Ich lernte über oxidative Prozesse, Lipidschutz und Zellmembranstabilität. Und ich erkannte: Es geht um mehr als „Anti-Aging“. Ich hatte die erste leise Ahnung von Zellgesundheit.
Damals gab es noch keine Longevity-Bestseller, keine millionenschweren Biohacking-Protokolle, keine Supplements mit Designerverpackung. Trotzdem war da etwas in mir, das nicht mehr lockerließ. Heute weiß ich: Das war mein erster Schritt in Richtung Longevity – lange bevor mir bewusst war, dass ich diesen Weg gehe.
Mit den Jahren wuchs meine Faszination für den menschlichen Körper, dieses fein orchestrierte, intelligente System, das Tag für Tag für uns arbeitet, ohne dafür Beachtung zu erwarten. Ich stieß auf die Prinzipien der Blue-Zones-Ernährung. Sie ist einfach, größtenteils pflanzenbasiert und entzündungshemmend. Kein Hype, kein Verzicht um des Verzichts willen, sondern gelebte Langlebigkeit in ihrer ursprünglichsten Form. Je mehr ich las, desto mehr wurde mir klar: Gesund alt zu werden, ist möglich, sobald wir lernen, unseren Körper zu verstehen.
Und dann tauchte zum ersten Mal ein Wort auf, das alles zusammenbrachte: Longevity. Ich konnte nicht mehr aufhören zu lesen. Über Autophagie. Über Zellschutz. Über mitochondriale Gesundheit. Über das fragile Zusammenspiel von Progesteron, Cortisol und Schilddrüsenhormonen. Über Bewegung: Krafttraining gegen Sarkopenie, Ausdauer für Herz und Mitochondrien, kurze HIIT-Impulse – klug dosiert und alltagstauglich.
Was als Neugier begann, wurde zu einem Weg. Ich habe ausprobiert, verworfen, neu begonnen, Erfolge gefeiert, Rückschläge durchlebt – und weitergemacht.
Heute, viele Jahre und hunderte Studien später, bin ich bereit, dieses Wissen zu teilen. Für alle Frauen, die nicht einfach älter werden wollen, sondern sich ihre Vitalität, Leichtigkeit und Lebensfreude bis ins hohe Alter bewahren möchten – wellderly im besten Sinne.
Kapitel 1: Was ist Altern überhaupt?
Altern ist kein unabwendbares Schicksal, sondern ein biologischer Prozess, den wir verstehen und beeinflussen können.1.1 Chronologisches vs. biologisches Alter
Das chronologische Alter (Geburtsjahre) tickt für uns alle gleich. Das biologische Alter beschreibt dagegen, wie jung oder alt unsere Zellen, Gewebe und Organsysteme tatsächlich sind. Zwei gleichaltrige Menschen können sich in ihrem biologischen Alter um Jahrzehnte unterscheiden. Entscheidend ist die Summe molekularer Veränderungen, die Forschende heute als „Hallmarks (Kennzeichen) des Alterns“ beschreiben.
1.2 Die zwölf Hallmarks des Alterns in Kürze
Die aktuelle Forschung fasst Altern in zwölf miteinander verflochtene Prozesse:
- Genomische Instabilität (häufigere DNA-Schäden)
- Telomerverkürzung (Schutzkappen an Chromosomenenden schrumpfen)
- Epigenetische Veränderungen (chemische Schalter auf der DNA verstellen sich)
- Verlust der Proteostase (Proteine falten sich fehlerhaft)
- Gestörte Autophagie (die zelleigene Müllabfuhr arbeitet langsamer)
- Gestörte Nährstoff-Sensorik (Zellen reagieren ungenau auf Nährstoffsignale)
- Mitochondriale Dysfunktion (Energiekraftwerke der Zelle lahmen)
- Zelluläre Seneszenz (Zellen gehen in Ruhestand, produzieren aber Entzündungsfaktoren)
- Stammzellerschöpfung (Regenerationsfähigkeit sinkt)
- Verändertes interzelluläres Kommunikationsnetz (Zellen „reden“ aneinander vorbei)
- Chronische Entzündung (stille, schleichende Dauerbrenner-Entzündung, sog. „Inflammaging“)
- Dysbiose (Veränderungen des Darmmikrobioms, die Entzündung und Stoffwechsel beeinflussen)
Diese zwölf Hallmarks wurden 2013 erstmals von Carlos López-Otín und Kollegen beschrieben (damals neun) und 2023 auf zwölf erweitert. Die drei neuen – gestörte Autophagie, chronische Entzündung und Dysbiose – unterstreichen, wie zentral Darmgesundheit und das Immunsystem für den Alterungsprozess sind (López-Otín et al., Cell 2023).
Das war die Leseprobe. Das Buch geht weiter mit den zellulären Mechanismen des Alterns, der weiblichen Biologie, Bluttests, Ernährung, Supplements, Bewegung und vielem mehr.
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